Ein Aufsatz von Erika Vieregg

Mag. Erika Vieregg

Mag. Erika Vieregg ist Erziehungswissenschaftlerin und Hauptschullehrerin. Sie hat einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Graz- Weiteres ist sie Elternbildnerin in der Diözöse Graz-Seckau. Sie besuchte auch den Masterlehrgang für komplementäre, psychosoziale und integrative Gesundheitsförderung (i.A.)

Mobbing vergeht nicht von allein. Im Gegenteil, die Situation der betroffenen Kinder wird immer schlimmer, wenn nichts geschieht. Es ist sowohl für das gemobbte Kind, als auch für das mobbende Kind überaus wichtig, dass Eltern eingreifen, denn Mobbing bewirkt Entmutigung – bis hin zu Suizidabsichten oder plötzlichen Gewaltausbrüchen - bei den Opfern und Ermutigung bei gewalttätigen Kindern. Studien belegen, dass bei aggressiven Kindern, die ihre feindliche und negative Einstellung und ihr Verhalten gegenüber ihrer Umgebung nicht ändern, die Gefahr höher ist, sich später sozialfeindlich zu verhalten und kriminell oder alkoholsüchtig zu werden.

Helfen ist notwendig, aber wie?

1. Schritt: Wahrnehmen, was ist.
2. Schritt: Gespräch mit dem Kind suchen.
3. Schritt: Das Kind ermutigen, Selbstvertrauen aufzubauen.
4. Schritt: Gemeinsam mit dem Kind nach weiteren Möglichkeiten suchen, die Mobbinghandlungen zu stoppen.

1. Wahrnehmen, was ist

Viele Eltern wissen lange nicht, dass ihre Kinder gemobbt werden. Kinder erzählen zu Hause oft nichts von den furchtbaren, demütigenden Dingen denen sie ausgesetzt sind. Sie haben Angst, die Situation wird noch schlimmer, wenn ihre Eltern sich einmischen und oft erzählen sie nichts, weil ihnen gedroht wird, dass Furchtbares passiert, wenn sie „petzen“. Anzeichen, dass das Kind gemobbt wird, sind nach den beiden Mobbingforschern Dan Olweus und Horst Kasper:
· Verstimmtheit
· Hat keine Freundinnen oder Freunde
· Zerrissene oder stark verschmutzte Kleidung
· Zerrissene oder stark verschmutzte Schulbücher
· Will nicht von der Schule erzählen
· Kopf- oder Bauchschmerzen
· Will nicht zur Schule gehen
· Schulleistungen lassen stark nach
· „Verliert“ häufig das Geld

Eltern von gewalttätigen Kindern wissen meist besser Bescheid, weil diese Kinder in der Schule stärker auffallen und LehrerInnen sich häufig bei den Eltern über das Verhalten des Kindes beklagen.

2. Gespräch mit dem Kind suchen

In einem 2. Schritt kann in einem behutsamen Gespräch versucht werden, die Situation sorgfältig zu klären:
Ist das Kind das Ziel von Angriffen, oder hat es selbst andere angegriffen? Ist es ein Einzelereignis oder häufen sich die Vorfälle? Was passiert, wie lange schon, wo und wann? Wer ist beteiligt? Wie bedrohlich sind die Ereignisse für das Kind? Trägt das gemobbte Kind durch das eigene provozierende Verhalten zur Gewalttätigkeit bei? Wird das Kind ausgegrenzt und ausgelacht, weil es keine teuren Markenartikel hat? Wird das Kind wegen äußerer Merkmale gedemütigt?



Mobbt das Kind andere, auch dann sollte versucht werden herauszufinden, was sich ereignet hat und wer beteiligt ist. Muss das aggressive Kind möglicherweise durch Gewalttätigkeiten beweisen, dass es der Stärkste ist?

Wenn Kinder nicht mit ihren Eltern sprechen können, können vielleicht die Lehrerin, der Lehrer, MitschülerInnen, FreundInnen oder befreundete Eltern Auskunft geben.

Das betroffene Kind braucht die Hilfe seiner Eltern. Eltern müssen helfen!

3. Ermutigen und Selbstvertrauen aufbauen

Eltern können Ihrem Kind zu Hause den Rücken stärken, durch liebevolle Unterstützung, durch Zuhören, durch gemeinsame Überlegungen, was das Kind tun kann. Sie können Sicherheit vermitteln, ohne zur Gegengewalt zu ermuntern. Viele wertvolle Tipps finden Eltern und auch LehrerInnen in Horst Kaspers Buch „Prügel, Mobbing, Pöbeleien. Kinder gegen Gewalt in der Schule stärken“.

Einige Beispiele, wie das Kind sich in heiklen Situationen im schulischen Alltag selbst behaupten kann:
· Durch selbstbewusstes Auftreten. Ein lautes „Nein“ oder „Lass das“ kann zu Hause geübt werden.

· Starke Worte - Schlagfertigkeit kann durch Training erheblich gesteigert werden.

· Cool bleiben, sich durch Provokationen nicht aus der Fassung bringen lassen.

· Friedensgesten – eine freundliche Geste kann manchmal die drohende Gewalt abwenden.

· Kritik aushalten

· Judo, Karate, ein Selbstverteidigungskurs, Körpertraining steigern dass Selbstbewusstsein und helfen, Körperangst abzubauen.

Ermunterung und Lob für jeden kleinsten Fortschritt sind wichtig. Jede neu erlernte Fähigkeit stärkt das Selbstvertrauen und sendet andere „Signale“ an die Umwelt aus.

4. Weitere Möglichkeiten, Mobbinghandlungen zu stoppen:

- Zusammenarbeit mit der Schule
Sofort das Gespräch mit der Lehrerin oder dem Lehrer suchen und gemeinsam Strategien entwickeln. Weiterhin in Kontakt mit der Schule bleiben und überprüfen, ob die getroffenen Maßnahmen gewirkt haben! LehrerInnen wird das Auftreten von Mobbing in der Klasse und dessen Folgen zunehmend bewusster und sie sind oft bereit Projekte zum Thema Mobbing oder Gewalt in der Schule durchzuführen und mit der ganzen Klasse daran zu arbeiten.
Wenn alle Maßnahmen nichts nützen, kann ein Klassenwechsel in Erwägung gezogen werden, wobei es oft sinnvoller ist, den Gewalttäter oder die Gewalttäterin zu versetzen, als das Opfer. Im Extremfall kann ein Schulwechsel sinnvoll sein, als letzter Ausweg, mit dem Einverständnis des Kindes.
Wenn die Lehrerin nicht bereit ist auf das Problem einzugehen und versucht zu bagatellisieren, was ihrem Kind passiert, können Eltern sich an den Schulleiter, die Schulleiterin oder/und den Elternvertreter oder die Elternvertreterin wenden.

- Hilfe holen
Kinder sollen wissen: Es ist nicht feige, sich Hilfe von Erwachsenen zu holen, oder davonzulaufen, wenn es möglich ist!

- Aufbau von Kontakten zu Gleichaltrigen
Eltern können ihr Kind ermutigen, neue Kontakte zu Gleichaltrigen zu schließen und ihnen dabei helfen, freundschaftliche Beziehungen aufrechtzuerhalten.

- Rollenspiel
Im Rollenspiel können Eltern und Kinder gemeinsam eine Szene nachspielen, die sich in der Schule abgespielt hat. Dann kann gemeinsam nach verschiedenen Lösungen gesucht werden und diese sofort ausprobiert werden.

- Mobbingtagebuch und/oder Erfolgstagebuch
Das Kind kann aufschreiben, was passiert ist und wann, wer beteiligt ist und wie es sich dabei gefühlt hat. Es geht dem Kind dadurch nicht unmittelbar besser, aber es kann dadurch möglicherweise das Erlebte besser verarbeiten.
Auf der Stelle hilfreich ist ein Erfolgstagebuch, in das alle noch so kleinen erfolgreichen Schritte zur Bewältigung des Problems aufgeschrieben werden.

- Professionelle Hilfe suchen
Wenn alle gesetzten Maßnahmen keinen Erfolg bringen oder wenn Eltern der Situation ratlos gegenüber stehen, ist es keine Schande, sich von ExpertInnen Hilfe zu holen. Das können SchulpsychologInnen, KinderpsychologInnen oder –ärztInnen, PsychotherapeutInnen, Sozial- und LebensberaterInnen sein. Empfehlenswert sind auch die oft kostenlosen Erziehungsberatungsstellen.

Vorsicht:
„Übermäßig beschützende“ Haltung der Eltern kann das Kind noch mehr von den Gleichaltrigen isolieren! Es ist meist wenig sinnvoll, mit den Eltern der Täter in Verbindung zu treten, da diese ihr Kind entweder in Schutz nehmen oder streng bestrafen, beide Alternativen bedeuten häufig für die Opfer weitere Schikanen! Auch mit den Tätern zu reden ist wenig sinnvoll, es zeigt den Mobbern, dass sich ihr Opfer nicht selber wehren kann, Täter bestrafen dann häufig ihre Opfer für das „Petzen“.

Am wichtigsten ist, dass Eltern ihre Kinder stark machen. Ein gutes Selbstbewusstsein ist der beste Schutz. Wer sich wehren kann wird selten Opfer!

Hilfe für gewalttätige Kinder

Kinder müssen merken, dass Gewalt nicht akzeptiert wird, weder von den Eltern, noch von den Lehrern. Daher ist es sinnvoll, wenige einfache Familienregeln (und auch Schulregeln) zu vereinbaren. Werden Regeln nicht eingehalten, muss es logische Konsequenzen geben, da sonst Regeln nicht ernst genommen werden.

Auch bei gewalttätigen Kindern gilt es, das Gute im Kind mit Lob und Anerkennung zu stärken, ihm zu helfen, besondere Begabungen zu entwickeln. Die Körperstärke und das Machtbedürfnis von aggressiven Kindern kann in Bahnen gelenkt werden, durch sportliche Aktivitäten wie Fußball, Handball, Eishockey und anderes.

Kinder können lernen, dass es möglich ist, einen Fehler zuzugeben, ohne dabei die Selbstachtung einzubüßen. Sie können sich entschuldigen, um Verzeihung bitten, fragen, wie der Schaden wieder gut gemacht werden kann.

Literatur:
Horst Kasper: Prügel, Mobbing, Pöbeleien. Kinder gegen Gewalt in der Schule stärken. Cornelson Verlag, 2003.
Dan Olweus: Gewalt in der Schule. Was Eltern und Lehrer wissen sollten - und tun können. 3. korr. Auflage, Verlag Hans Huber, Bern, 2004.
Kristin Holighaus: Zoff in der Schule. Tipps gegen Mobbing und Gewalt. Beltz & Gelberg Taschenbuch, Weinheim Basel, 2004
zur Person

Mag. Erika Vieregg ist Erziehungswissenschaftlerin und Hauptschullehrerin. Sie hat einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Graz- Weiteres ist sie Elternbildnerin in der Diözöse Graz-Seckau. Sie besuchte auch den Masterlehrgang für komplementäre, psychosoziale und integrative Gesundheitsförderung (i.A.)

Quelle: http://www.eltern-bildung.at/eb/themenschwerpunkte/expertenstimmen/0511.php?currentthemaID=2059