Ein Aufsatz von Dr. Christa Lopatka
Frau Dr. med. Christa Lopatka ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutin. Sie ist 43 Jahre alt, verheiratet und hat 4 Kinder.
I. Beispiel Mädchen
Anna ist 10 Jahre alt. Sie ist ein ruhiges, zartes Mädchen. Anna wacht täglich um 4 Uhr,5 Uhr morgens auf, weint, klagt über Bauchschmerzen und erbricht seit Wochen beinahe täglich. Die Kinderärztin konnte kein organisches Korrelat finden. Bachblüten wurden verordnet, verbesserten aber die Symptomatik nicht.
Der Mutter gegenüber hat Anna mehrfach erwähnt, dass sie lieber tot sei, als in die Schule zu gehen. Ein Gespräch mit der Klassenlehrerin folgte. Dieser ist in der Klasse/ Schule aber nichts aufgefallen.
Sie meinte der Mutter gegenüber, Anna sei halt ein sensibles und weinerliches Kind.
Am Ende des Erstgespräches in meiner Ordination, stellt sich mir folgende Klassensituation dar:(Situation wurde annonymisiert)
Von den acht Mädchen in der Klasse bilden fünf eine Clique, wobei ein Mädchen das Verhalten der Gruppe bestimmt. Sie bestimmt wer von den übrigen Mädchen das Hauptopfer ist und wie lange es es sein wird.
Anna, die seit Wochen wieder das Hauptopfer ist, erzählt:
Vor drei, vier Wochen habe die Sagerin ( so nennt Anna die Hauptmobberin ) ihre Freundin, die Melanie, nicht mehr zu ihr gelassen. Vor Anna habe sie sich hingestellt und gesagt: „Du musst jetzt wieder allein sitzen, denn dich mag hier keiner, nicht einmal die Meli mag dich mehr. In der großen Pause sei sie wieder zu ihr gekommen und habe gesagt:“ Wir (die Mädchen) müssen jetzt auf die Toilette gehen, aber du musst hier bleiben, denn wir haben etwas ganz Wichtiges zu besprechen.“Anna weiß aus Erfahrung, dass die Mädchen jetzt auf der Toilette einen Plan aushegen werden, wer, wann, wo und wie sie ärgern, auslachen, bloßstellen und beleidigen wird.
Als Beispiele für die Mobbinghandlungen gibt Anna an:
Alle müssen lachen, wenn sie im Unterricht was nicht könne. Ich fragte, was die Frau Lehrerin dazu sage. „Jetzt gebts mal a Ruh, jetzt seids mal still“, mehr sage sie nicht. Niemand darf ihr helfen, wenn sie sich wo nicht auskennt. Niemand darf ihr auf Fragen eine Antwort geben oder ihr zuhören, wenn sie was erzählen will. In den Pausen wird ausgelost, wer zu ihr hinlaufen und ihr ins Ohr schreien wird, z.B.: „Du Brillenschlange, du blöde Kuh, mit dir kann man nichts anfangen, du bist selber schuld, dass dich niemand mag.“ In ihrer Anwesenheit wird über sie abwertend gesprochen oder z.B. darüber diskutiert, ob man sie heute im Pausenhof in einen Streit verwickeln wird oder nicht.
Verletzenden Bemerkungen über ihre Schulleistungen, ihr Aussehen, ihre Kleidung, ihre Frisur und über ihre Eltern ( beide Lehrkräfte) ist sie regelmäßig ausgesetzt. Von den Buben in der Klasse wird Anna in Ruh gelassen.
Nachdem ich das Mobbing an die Schule gemeldet habe, zum Erstaunen der Lehrer, einschließlich der Klassenlehrerin, findet sich diese bereit ( nicht immer der Fall!) mit der Klasse zu sprechen.
Nach dem Gespräch meldet die Lehrerin mir eine tiefe Betroffenheit bezüglich des Gewaltausmaßes in der Klasse und der Leidenszustände der Kinder zurück. Bei den Mädchen seien viele Tränen geflossen. Die Anführerin habe alles sofort zugegeben. Auf die Frage warum sie das gemacht habe, hätte sie außer, dass es Spaß gemacht habe Anna zu ärgern, keine Antwort gewusst.
Ein Junge habe im Gespräch gesagt: „ Ich habe mir oft gedacht die Anna ist die Ärmste in unserer Klasse.“ Ein anderer Bub habe gemeint, er glaube, dass Theresa (Anührerin) auf die schönen, schwarzen Haare von Anna einen Neid habe.
II. Beispiel Jungen
Sind Buben von einem Mobbing betroffen, ist physische Gewalt nicht selten mit im Spiel. Als Beispiel möchte ich einen Ausschnitt aus einem Gespräch mit dem 9jährigen Manuel bringen.
„Ich mag über das Schlagen nicht reden, weil ich hab mir das schon angewöhnt, dass ich geschlagen werde.....weint,..... Das ist alles wegen dem Kevin und dem Michael. Sie schlagen mich derartig mit der Faust ins Kreuz, dass mir alles weh tut. Manchmal schlagen sie mich, dass ich keine Luft krieg. Das letzte Mal haben sie mich am Freitag im Bus grundlos in den Bauch geboxt, dass ich fast keine Luft bekommen hab. Es hat so weh getan, dass ich geglaubt hab, dass ich sterben muss. Manchmal nimmt Michael meinen Kopf und schlägt ihn auf den Tisch. Einmal habe ihn Michael so geschlagen, dass er angefangen habe zu beten. Wenn ich es der Lehrerin sage, streiten sie alles ab und schlagen mich nachher noch mehr. “Als seine Mutter bereits in der 3. Klasse versucht habe mit seiner Lehrerin zu reden, habe Michael ihn nachher auf der Toilette eingesperrt und gewürgt und gesagt, wenn deine Mama noch einmal in die Schule kommt, bring ich dich um “....weint... Das sei auch der Grund gewesen, dass er zu Hause nichts mehr erzählt habe... „Manchmal denk ich mir, dass ich vom Balkon runterspring, damit ich endlich a Ruh von denen hab.“
Werden die Kinder älter, werden die Mobbinghandlungen noch subtiler und die physische Gewalt noch brutaler.
III. Anna und Manuel sind keine Einzelfälle
Europaweit durchgeführte Studien zum Thema Gewalt in der Schule zeigen unmißverständlich, dass Gewalt und Mobbing im Schulsystem ein erhebliches Problem darstellen und dass hier dringender Handlungsbedarf vorliegt. Zitat: „Jeder zehnte Schüler wird regelmäßig von Kollegen schikaniert oder körperlich attakiert. Ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen berichten von andauernden verbalen Beleidigungen.
Das belegt eine Reihe von Studien, die in den letzten fünf Jahren von der Fakultät für Psychologie der Universität Wien gemacht wurde. “Zitat Ende,(Artikel, Kleine Zeitung, Freitag, 23. September 2005, Seite 11).
Über 90% der Kinder werden völlig grundlos gemobbt, zeigen selber weder direktes noch indirektes aggressives Verhalten.
Neid, die Lust an der Machtausübung, die Lust am Quälen oder die Bereicherung an materiellen Gütern stellen die Hauptmotivationen bei den Mobbern dar.
Nicht immer ist es den Mobbern voll bewußt, welches Leid sie dem anderen antun, zumal Schulen kaum Mobbingaufklärung machen.
IV. Das Leid der betroffenen Kinder
...ist intensiv, die Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit massiv.
1. Angst vor dem Schulgehen, Angst vor den eigenen Mitschülern. Diese Angst kann sich auch auf andere Menschen übertragen: Angst vor Gleichaltrigen bis hin zu einer generalisierten Angst vor Menschen (Sozialphobie).
2. Depressive Erkrankungen: einhergehend mit depressiver Verstimmung, Freud- und Lustlosigkeit, Schlafstörugen, mit Albträumen und nächtlichem Aufschreien oder vorzeitigem Erwachen, verbunden mit Weinerlichkeit, gelegentlich auch mit morgendlichem Erbrechen. Konzentrationsstörungen mit Leistungsabfall bis hin zu Schulabbrüchen habe ich gesehen. Eine typische Reaktion gemobbter Kinder ist der Rückzug aus den Beziehungen (Schutzmechanismus). Damit weitere Isolation und Einsamkeit. 60% der Kinder kommen suicidal z.T. schwer suicidal in die Ordination. Lt. Des Berichtes der International Police Association vom vorigen Jahr führen Experten jede 5. Selbsttötung im Kindes- und Jugendalter auf ein Schulmobbing zurück.
3. Die Auswirkungen auf den Selbstwert sind nicht minder: Wer über längere Zeit unter seinem Wert, unter seiner Würde behandelt wird und das noch dazu in einem Alter, in welchem der Selbstwert noch nicht gefestigt ist und noch dazu vor einer Öffentlichkeit, wird sich bald minderwertig fühlen. 16J Mädchen: „Wenn man jahrelang wie der letzte Dreck behandelt wird dann fühlt man sich mit der Zeit auch wie der letzte Dreck. Mit der Zeit ist es ganz normal, dass man sich minderwertig fühlt und die anderen was besseres sind.“ Negatives Selbstbild, negatives Körperbild sind beobachtbar. Die Flucht in eine Phantasiewelt wird für manche Kinder zur Überlebensstrategie.
4. Psychosomatische Symptome: chronische Bauchschmerzen, chron. Kopfschmerzen, Atemnotanfälle
5. Essstörungen: bei Anorexien und Bulimien auch an die Schule denken!
6. Die Kinder verlieren mit der Zeit das Sinngefühl und die Zukunftsorientierung.
Die durch ein Mobbing ausgelöste Symptomatik kann sich festigen und zu neurotischen Krankheitsbilder führen und weit über die Schulzeit hinaus das Leben des Betroffenen prägen.
Gemobbte Kinder weisen eine überdurchschnittlich gute Beziehung zu ihren Eltern auf. Diese kann aber die verheerenden Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und Entwicklung nicht verhindern.
V. Eltern und Lehrern sind oft unwissend
Eltern und Lehrer erfahren eher selten von den Quälereien:
° Aufgrund von Ängsten und Schamgefühlen erzählen gemobbte Kinder häufig niemandem von den oft täglichen Beleidigungen. Die Kinder haben Angst, dass ihnen niemand glauben könnte, dass das Hilfeholen als Petzen abgetan würde, dass sich nach Einmischen der Erwachsenen ihre Situation noch mehr verschlechtern könnte, dass ihnen in ihrer Situation niemand helfen könnte (alles realistische Ängste!).
Viele gemobbte Kinder schämen sich für das, was ihnen angetan wird.
° Wenn Kinder erzählen, berichten sie von einzelnen Ereignissen, können aber den systematischen Psychoterror nicht in Worte fassen.
° Mobbing macht Spaß, bringt den Tätern Ansehen, Respekt in der Klasse, wenn es um Erpressung von materiellen Dingen geht auch diesen Vorteil, sodass Mobber selber auch kein großes Interesse haben Erwachsenen über ihre Taten zu informieren.
° Mobbende Kinder treten in der Klasse mit einer Mächtigkeit auf. Die zuschauenden Klassenkameraden können mitansehen, wie das Opfer behandelt wird. Aus Angst selber in die Opferrolle zu kommen schweigen auch sie.
° Eltern verkennen die depressive Symptomatik ihrer Kinder nicht selten als einfache pupertäre Krise.
° In der Schule sind gemobbte Kinder meist still, ruhig und angepasst, sie wollen nicht in den Schikurs oder auf Sommersportwochen mitfahren, sie fehlen mehr als andere, aber sie stören nicht den Unterricht, sodass auch Lehrer selten Alarm schlagen.
° Mit der Zeit kann es sein, dass alle Beteiligten in der Klasse, es für normal ansehen, dass dieses Kind schikaniert wird. Zumal Erwachsene nichts dagegen tun.
Manchen Kindern und deren Eltern ist die schlimme Situation in der Schule bewußt, sie finden aber im Schulsystem keine oder nur ungenügende Hilfe.
Melde ich selbst ein Mobbing an die betreffende Schule, ist diese mit der Situation nicht selten mäßig bis total überfordert. Die von der Mobbingforschung empfohlenen Gewaltprä- und Interventionsprogramme, welche in vielen europäischen Schulen erfolgreich gegen Gewalt in der Schule eingesetzt werden, fehlen noch häufig an unseren Schulen.
Quelle: http://www.eltern-bildung.at/eb/themenschwerpunkte/expertenstimme/0511_Renges.php?currentthemaID=2059
Anm: Zum leichteren Lesen wurden Überschriften und Fettdruck mit römischen Zahlen hinzugefügt, sonst blieb der Inhalt zu 100% unverändert!

