Definition
von Ingo Spitczok von Brisinski
Wenn ein Kind im Kindergarten oder in der Schule oft nicht bei der Sache ist, sich mit Dingen in einer Art beschäftigt, die für das Alter ungewöhnlich ist, wenn es Schwierigkeiten in Sozialkontakten zu Gleichaltrigen gibt, kurz: wenn es Leistungs- und/oder Verhaltensauffälligkeiten gibt, die deutlich von der durchschnittlichen Entwicklung des jeweiligen Alters abweichen und mit einer Außenseiterrolle verbunden sind, kann dies u. a. eine Folge von Hochbegabung sein, aber auch von ADS oder Asperger-Syndrom (Spitczok von Brisinski, 2003a). Dabei gibt es kein zwingendes ‚Entweder - oder', sondern es kann auch eine Kombination vorliegen, ggf. auch eine sich sekundär entwickelnde Störung. Z. B. können hochbegabte Schüler als Folge einer langfristigen schulischen Unterforderung Schulunlust, Leistungsverweigerung, aggressives oder depressives Verhalten entwickeln oder auch psychosomatische Beschwerden.
Probleme der Definition
Wenn wir uns der Frage nähern, ob bei einem Kind Hochbegabung, ADS oder ein Asperger-Syndrom zu den Verhaltens- und/oder Leistungsproblemen führen, müssen wir dabei beachten, dass
* Hochbegabung über besonders gut ausgeprägte Fähigkeiten definiert ist, ADS und Asperger-Syndrom aber über Defizite.
* Hochbegabung, ADS und Asperger-Syndrom alternativ auftreten können oder gleichzeitig
* Hochbegabung einigermaßen objektiv mittels Intelligenztest festgestellt werden kann, ADS und Asperger-Syndrom aber nur über subjektive Beobachtung und Beurteilung
* trotz Hochbegabung ein Mensch beruflich nicht unbedingt erfolgreich ist, wenn das Umfeld ungünstige Förderbedingungen bereit hält oder Störungen vorliegen
* trotz ADS oder Asperger-Syndrom ein Mensch beruflich erfolgreich sein kann, wenn er über nützliche Stärken und ein dazu passendes Umfeld verfügt, in dem er seine Stärken einbringen kann
Definitionen
Hochbegabung
Allgemein: Hochbegabte Kinder zeichnen sich durch sehr früh entwickelte, weit überdurchschnittliche Fähigkeiten und Interessen aus, durch die sie Gleichaltrigen oft beträchtlich voraus sind. Dies kann den logisch-mathematischen, den sprachlichen, den musikalischen, den bildnerisch-künsterischen, den sportlichen oder den sozialen Bereich - manchmal auch mehrere dieser Bereiche gleichzeitig - betreffen.
Hier wird der Begriff verwandt für eine außergewöhnlich hohe allgemeine intellektuell-kreative Begabung, die eine spezifische Art der Welterfassung bedeutet.
Sie ist u. a. gekennzeichnet durch eine sehr schnelle Auffassungsgabe, hohe Lern- und Differenzierungsfähigkeit, kreative und eigenständige Verarbeitung auch komplexer Phänomene auf verschiedenen Ebenen, frühen Spracherwerb auf hohem Niveau, ausgeprägte Vorrangigkeit divergenten Denkens, rasches Durchschauen von Zusammenhängen, Finden und Erfinden ungewöhnlicher Gedankengänge und eine urtümliche Freude, sich geistig zu tummeln.
IQ-bezogen: Üblich ist die IQ-bezogene Definition der Hochbegabung mit dem unteren Grenzwert von 2 Standardabweichungen oberhalb des Mittelwerts, d. h. Hochbegabung liegt vor bei einem IQ von 130 oder höher. Zu beachten ist, das nicht zwangsläufig alle Fähigkeiten weit überdurchschnittlich ausgeprägt sein müssen, sondern ein inhomogenes Intelligenzprofil vorliegen kann und auch Teilleistungsstörungen nicht ausgeschlossen sind.
Besonders begabte Kinder sind in manchem anders als ihre Altersgenossen. Das kann - muss aber nicht - zu Schwierigkeiten führen. Manchmal ist allerdings leider erst das Auftreten von Auffälligkeiten der Ausgangspunkt für das Erkennen einer Hochbegabung.
Im Kindergarten fällt das Kind auf,
* weil es sich langweilt
* weil es manche Spiele "doof" findet und deshalb stört, um wahrgenommen zu werden
* weil es sich für Dinge interessiert, für die es andere für "zu jung" halten
* weil es sich in die Gruppe nicht einbringen kann und damit häufig zum Außenseiter wird.
In der Schule fällt das Kind auf,
* weil es sich ständig unterfordert fühlt
* weil es als Streber oder Besserwisser gilt und unbeliebt ist
* weil es sich als Clown der Klasse aufführt, damit die Mitschüler es akzeptieren und die Lehrer es wahrnehmen
* weil es sich von Lehrern und Mitschülern nicht verstanden und nicht akzeptiert fühlt
* weil es trotz bekannter Intelligenz "unerklärlich" schwache Leistungen zeigt.
In seiner Umgebung fällt das Kind auf,
* weil es an den üblichen "altersgemäßen" Freizeitaktivitäten keinen Gefallen findet
* weil es perfektionistisch und sich selbst und Anderen gegenüber sehr kritisch ist
* weil es anstelle körperlicher die geistig-verbale Auseinandersetzung bevorzugt
* weil es sehr sensibel für zwischenmenschliche Wechselwirkungen ist
* weil es intellektuell zwar seinem Alter um Jahre voraus ist, gefühlsmäßig aber meist seinem Alter entsprechend reagiert
* weil es sich von der Umwelt isoliert fühlt.
(Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind, www.dghk.de)

